Nach dem Krebs: Wer bin ich eigentlich jetzt?
Leben nach Krebs: Wenn das alte Leben plötzlich nicht mehr ganz passt
Während einer Krebserkrankung gibt es meist ein klares Ziel:
Überleben. Gesund werden. Die Behandlung schaffen.
Vieles andere wird unwichtig.
Doch irgendwann ist die Therapie vorbei. Die Untersuchungen werden weniger. Das Leben nach Krebs beginnt – und der Alltag kehrt langsam zurück.
Und dann kann eine Frage auftauchen, mit der man vorher vielleicht überhaupt nicht gerechnet hat:
Wer bin ich eigentlich jetzt?
Bin ich wieder der Mensch, der ich vor meiner Diagnose war?
Will ich überhaupt wieder genau dieser Mensch sein?
Und was möchte ich mit dem Leben anfangen, das jetzt wieder vor mir liegt?
Alle erwarten Normalität – aber was ist jetzt normal?
Nach einer schweren Erkrankung wünschen sich viele Menschen im Umfeld verständlicherweise, dass alles wieder gut wird.
Man ist behandelt.
Die Ergebnisse sehen gut aus.
Also zurück zur Normalität.
Doch innerlich kann die Situation ganz anders aussehen.
Man hat etwas erlebt, das den Blick auf das eigene Leben verändern kann.
Plötzlich weiß man nicht mehr nur theoretisch, dass das Leben endlich ist.
Man hat es gespürt.
Und dadurch können Dinge, die früher selbstverständlich waren, plötzlich infrage stehen.
Vielleicht haben sich deine Prioritäten verändert
Was war dir vor der Diagnose wichtig?
Arbeit?
Geld?
Karriere?
Besitz?
Anerkennung?
Vielleicht sind diese Dinge weiterhin wichtig.
Vielleicht aber auch weniger als früher.
Andere Dinge können stärker in den Vordergrund treten:
Gesundheit.
Zeit.
Familie und Freunde.
Freiheit.
Natur.
Bewegung.
Erlebnisse.
Oder einfach das Gefühl, morgens aufzustehen und etwas zu tun, das einem wirklich etwas bedeutet.
Eine schwere Erkrankung kann Prioritäten verschieben.
Das muss nichts Negatives sein.
Du musst nicht dein altes Leben rekonstruieren
Nach der Therapie sprechen wir häufig davon, wieder ins Leben „zurückzukehren“.
Ich finde diesen Begriff inzwischen interessant.
Denn vielleicht geht es gar nicht immer darum, zurückzugehen.
Vielleicht geht es darum, weiterzugehen.
Natürlich gibt es Teile des früheren Lebens, die man zurückhaben möchte.
Freunde.
Hobbys.
Arbeit.
Sport.
Normalität.
Aber gleichzeitig darf man sich fragen:
Was möchte ich nicht mehr genauso machen wie vorher?
Die große Leere nach dem großen Ziel
Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht.
Während meiner Erkrankung gab es ein Ziel, das alles andere überragte:
Ich wollte leben.
Ich wollte die Operationen und Behandlungen überstehen. Ich wollte gute Untersuchungsergebnisse.
Dieses Ziel war riesig.
Doch irgendwann war die akute Behandlung vorbei und medizinisch sah vieles gut aus.
Eigentlich hätte damit nur noch Erleichterung kommen müssen.
Bei mir kam später aber noch etwas anderes:
Leere.
Das große Ziel, das meinem Leben über lange Zeit eine klare Richtung gegeben hatte, war plötzlich verschwunden.
Und damit entstand eine neue Frage:
Wofür stehe ich jetzt morgens auf?
Gesundheit allein ist noch kein Lebensinhalt
Gesund zu bleiben ist natürlich ein großes Geschenk.
Aber irgendwann habe ich für mich verstanden:
Gesundheit ist die Grundlage für mein Leben – aber sie ist nicht automatisch der Inhalt meines Lebens.
Ich möchte nicht jeden Morgen nur aufstehen, um möglichst lange gesund zu bleiben.
Ich möchte mit dieser Gesundheit etwas anfangen.
Etwas erleben.
Etwas gestalten.
Etwas bewirken.
Genau dieser Gedanke hat bei mir viel verändert.
Neue Ziele dürfen wieder entstehen
Nach einer Krebserkrankung kann es sich zunächst merkwürdig anfühlen, wieder langfristig zu planen.
Urlaub im nächsten Jahr?
Ein berufliches Projekt?
Ein neues Hobby?
Ein Buch?
Manchmal meldet sich sofort der Gedanke:
Wer weiß, was bis dahin ist.
Aber genau an diesem Punkt habe ich irgendwann eine Entscheidung getroffen.
Ich möchte wieder planen.
Denn Zukunftspläne sind für mich keine Garantie dafür, dass alles so eintreten wird.
Sie sind eine Entscheidung dafür, wieder Zukunft zuzulassen.
Es müssen nicht sofort große Ziele sein
Sinn bedeutet nicht zwangsläufig, die Welt verändern zu müssen.
Vielleicht besteht dein nächstes Ziel darin, wieder regelmäßig spazieren zu gehen.
Wieder Sport zu machen.
Eine Reise zu unternehmen.
Ein Instrument zu spielen.
Mehr Zeit mit Menschen zu verbringen, die dir wichtig sind.
Etwas zu lernen.
Oder eine Veränderung anzugehen, die du schon lange aufgeschoben hast.
Die entscheidende Frage lautet nicht:
Ist mein Ziel groß genug?
Sondern:
Bedeutet es mir etwas?
Aus meiner Erkrankung entstand etwas Neues
Bei mir führte dieser Prozess irgendwann zu einer weiteren Erkenntnis.
Meine Krebserkrankung war etwas, das ich niemals freiwillig gewählt hätte.
Aber ich konnte entscheiden, was ich aus dieser Erfahrung mache.
Ich hatte Dinge erlebt, von denen ich vorher kaum etwas wusste.
Die Angst nach einer Diagnose.
Die Unsicherheit vor Entscheidungen.
Operationen und Behandlung.
Die Hoffnung auf gute Ergebnisse.
Und später diese merkwürdige Phase, in der medizinisch vieles gut war und ich trotzdem erst wieder eine Richtung finden musste.
Irgendwann entstand daraus der Wunsch:
Vielleicht kann meine Erfahrung für andere Menschen nützlich sein.
Daraus entstand „Kompass nach Krebs“
Ich möchte niemandem erklären, wie er mit seiner Erkrankung leben muss.
Jeder Mensch hat seine eigene Diagnose, seine eigene Geschichte und seinen eigenen Weg.
Aber vielleicht kann jemand, der einen Teil dieses Weges bereits gegangen ist, Orientierung geben.
Nicht als Arzt.
Nicht als jemand, der alle Antworten kennt.
Sondern als Mensch, der selbst erlebt hat, wie es sich anfühlt, wenn plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist.
Genau daraus entstand Kompass nach Krebs.
Und damit bekam auch ein schwieriger Abschnitt meiner eigenen Geschichte irgendwann eine neue Bedeutung.
Du bist nicht nur „der ehemalige Krebspatient“
Auch das finde ich wichtig.
Nach einer Erkrankung kann Krebs lange Teil der eigenen Identität bleiben.
Man erzählt seine Geschichte.
Man geht zur Nachsorge.
Man denkt darüber nach.
Andere fragen danach.
Aber irgendwann darf die Erkrankung wieder kleiner werden.
Sie gehört zu deiner Biografie.
Aber sie muss nicht deine gesamte Identität bestimmen.
Du bist vielleicht Partner oder Partnerin.
Mutter oder Vater.
Freund.
Kollege.
Sportler.
Musiker.
Hundebesitzer.
Reisender.
Träumer.
Oder jemand, der gerade erst herausfindet, wer er nach dieser Erfahrung sein möchte.
Du bist mehr als deine Krankengeschichte.
Vielleicht bist du heute sogar bewusster als vorher
Ich würde Krebs niemals romantisieren.
Es gibt nichts Schönes daran, eine solche Diagnose zu bekommen.
Und niemand muss dankbar dafür sein, krank gewesen zu sein.
Trotzdem kann man aus einer schweren Erfahrung etwas lernen.
Vielleicht setzt man Grenzen klarer.
Vielleicht verschwendet man weniger Zeit mit Dingen, die einem nicht guttun.
Vielleicht wagt man etwas, das man früher immer verschoben hat.
Vielleicht versteht man plötzlich, dass „irgendwann“ kein besonders guter Termin für das eigene Leben ist.
Die Frage hat sich für mich verändert
Lange war die wichtigste Frage:
Werde ich gesund?
Heute möchte ich zunehmend eine andere Frage stellen:
Was mache ich mit der Zeit, die ich habe?
Diese Frage kann niemand für mich beantworten.
Und genauso wenig kann ich sie für einen anderen Menschen beantworten.
Aber ich glaube, es lohnt sich, sie zu stellen.
Mein Gedanke für dich
Vielleicht musst du nach deiner Krebserkrankung nicht wieder der Mensch werden, der du vorher warst.
Vielleicht darfst du herausfinden, wer du jetzt sein möchtest.
Deine Erkrankung gehört zu deiner Geschichte.
Aber die nächsten Kapitel sind noch nicht geschrieben.
Was möchtest du mit deinem Leben anfangen?
Vielleicht helfen dir ein paar Fragen:
☐ Was ist mir heute wichtiger als vor meiner Erkrankung?
☐ Was möchte ich nicht länger aufschieben?
☐ Welche Menschen tun mir wirklich gut?
☐ Was möchte ich verändern?
☐ Was gibt mir Energie?
☐ Was möchte ich wieder tun?
☐ Was möchte ich zum ersten Mal ausprobieren?
☐ Gibt es einen Traum, den ich lange verdrängt habe?
☐ Wofür möchte ich morgens aufstehen?
☐ Was soll mein nächstes Kapitel sein?
Du musst darauf nicht heute antworten.
Aber vielleicht lohnt es sich, irgendwann damit anzufangen.
Mein persönlicher Leitsatz
Aus meiner eigenen Entwicklung ist für mich ein Satz entstanden, der inzwischen weit über meine Krebserkrankung hinausgeht:
„Wenn der Sinn groß genug ist, wird der Weg leichter.“
Ich kann nicht kontrollieren, wie jeder Weg verläuft.
Aber ich kann versuchen, einen Grund dafür zu finden, ihn weiterzugehen.
Und manchmal ist genau dieser Grund der Anfang von etwas Neuem.
Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt persönliche Erfahrungen und Gedanken zum Leben nach einer Krebserkrankung. Menschen verarbeiten eine Krebserkrankung sehr unterschiedlich. Bei länger anhaltender starker psychischer Belastung kann professionelle psychoonkologische oder psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein.
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